Daniela Bracale-Zytur

“Zu den Dingen des Lebens gehören für mich Geburt, Freundschaft, Liebe, also, was die Leute zusammenhält. Aber auch Tod, Krankheit und Abschied. Ich wollte immer sehen, was dahintersteckt. Wie kommt etwas zustande? Wie sind Beziehungen? Ich wollte die Zusammenhänge verstehen und den Dingen auf den Grund gehen. Und dann war es für mich auch logisch, Philosophie zu studieren.

Als ich mir nach Abschluss meines Studiums ein paar Monate Zeit für mich genommen habe, um mich zu sortieren, bin ich meinem Wunsch nach Italien zu gehen nachgegangen. Ich reagierte auf eine Anzeige in der Zeitung, um in einem Hotel im Süden des Landes zu arbeiten. Dort verbrachte ich etwa ein Jahr mit der Gästebetreuung und Reiseleitung von Studienreisen. In dieser Zeit habe ich mir immer wieder die Frage gestellt: Bist du eher deutsch oder eher italienisch? Da mein Vater aus Italien stammt, bin ich bereits familiär mit dem Land verwurzelt. Je älter ich werde, desto verbundener fühle ich mich mit dem italienischen Teil meiner Familie. Auch kommt sich die Familie immer näher und seit drei Jahren lerne ich wieder intensiv die Sprache. Und natürlich fühle ich mich auch durch die Philosophie und die Kunst sehr mit Italien verbunden.”

“Besonders spannend finde ich es, wenn sich Menschen in der sogenannten zweiten Lebenshälfte befinden. Ich selbst bin jetzt über 50 und mit 40 Jahren etwa habe ich mich gefragt: Kommt da noch was? Man wacht plötzlich auf aus dem Alltagstrott und stellt sein eigenes Leben in Frage. Habe ich meine Wünsche, Ziele, Bedürfnisse und auch Erwartungen erfüllt? Bin ich sie überhaupt angegangen?

Ich persönlich war schon immer auf der Suche nach meiner Berufung und bin es immer noch. Denn wie Heraklit sagt: „Alles fließt, wir steigen niemals in den selben Fluss“, weil sich die Umstände geändert haben: Wir selbst und die Umstände. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich noch nicht angekommen bin und noch nicht das gefunden habe, was mein Herzenswunsch ist. Mittlerweile weiß ich auch, dass ich nicht ankommen, sondern immer unterwegs sein werde. Das muss man erst einmal akzeptieren. Denn ich hatte in jungen Jahren die statische Vorstellung, irgendwann angekommen zu sein: Da hat man alles, was man wollte, was man braucht, man weiß, was man will. Das war eine Erkenntnis und sie ist meine Antriebsfeder, es auch anderen Menschen zu vermitteln und sie zu unterstützen, einen neuen Weg zu finden, zu gehen oder auch zu entscheiden, einen Weg nicht zu gehen. Jeder Mensch sollte die Möglichkeiten und Chancen, die in der zweiten Lebenshälfte liegen, auch nochmal ausgraben. Man kann nochmal neu anfangen, wenn man das Gefühl dazu hat. Und für diese Zeit bin ich gerne Begleiterin, die Fragen stellt, Impulse gibt, aufmerksam macht und Raum schafft – in erster Linie aus eigener Betroffenheit.”

Daniela Bracal-Zytur: https://bracale-zytur.de/

(Anmerk. der Redaktion: Dieses Interview wurde im Vorgängerprojekt im Rahmen von PROF³I durchgeführt. Fotorechte liegen bei PROF³I.)

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